„Bitte Radmuttern anziehen“ – und was, wenn nicht?

Ich habe heute erst mein Fahrzeug zum Reifenwechsel gebracht. Auf der Rechnung taucht standardmäßig folgender Text auf:

„Überprüfen Sie den festen Sitz der Radmuttern! Diese müssen nach 20 – 200 km nachgezogen werden!“

Als pflichtentreuer Mensch mache ich das in der Regel auch. Aber was, wenn man dies vergisst und dann später ein Unfall geschieht? Hierüber hat kürzlich das Landgericht München II (Urteil vom 09.04.2020 – 10 O 3894/17) entschieden. Für die Kurzleser – die Leitsätze lauten:

„Werden nach einem Radwechsel die Radschrauben durch die Mitarbeiter der Kfz-Werkstätte nicht kor­rekt angezogen und kommt es in Folge dessen nach 100 km zu einem Verkehrsunfall, so hat die Kfz-Werk­stätte die überwiegende Haftung zu tragen. Erhält ein Werkstattkunde beim Radwechsel einen Hinweis der Werkstatt, die Radschrauben nach 50 km nachzuziehen und unterlässt er dies, so ist ihm ein Mitverschulden in Höhe von 30 % anzurechnen.“

Der Kläger erlitt drei Tage und etwa 100 Kilometer nach einem Reifenwechsel auf der Autobahn einen Unfall dahingehend. dass sich das linke Hinterrad des von ihm geführten Fahrzeugs gelöst hat, was zu erheblichen Sachschäden geführt hat. Die Schadensersatzklage war teilweise erfolgreich, das Gericht hat Aktien an dem Unfall bei allen Beteiligten gesehen.

Nach Überzeugung des Gerichts bestand eine Haftung der beklagten Werkstatt, da diese im Rahmen des Reifenwechsels die Radmuttern, zumindest am linken Hinterrad des Fahrzeuges nicht ausreichend festgezogen bzw. deren Sitz auch nicht ausreichend überprüft hat. Der Kläger muss sich jedoch vorliegend ein Mitverschulden in Höhe von 30 % anrechnen lassen, da er den Hinweis darauf, dass die Radschrauben nachzuziehen sind, zwar erhalten, jedoch nicht befolgt hat, sodass bei entsprechender Durchführung der Unfall hätte vermieden werden können. Allerdings über­wiegt vorliegend deutlich das Verschulden der beklagten Werkstatt bzw. de­ren Mitarbeitern.

Aus der Reifenwechselrechnung ergab sich eindeutig ein Hinweis darauf, dass die Radmuttern nach 50 km nachzuziehen sind. Der Hinweis ist insbesondere auch ausreichend kenntlich gemacht, er befindet sich deutlich sicht­bar und eingerückt unterhalb der durchgeführten Arbeiten.

Hieran änderte sich auch nichts angesichts der Ausführun­gen des vom Gericht bestellten Sachverständigen, der angegeben bat, aus technischer Sicht sei ein Nachziehen der Schrauben bei einer ordnungsge­mäßen Montage nicht erforderlich. Wie der streitgegenständ­liche Unfall zeigte, ist es durchaus möglich, dass eben gerade keine ordnungsgemäße Montage erfolgt, was natürlicherweise in der Sphäre der jeweiligen Werkstatt liegt. Bei einem Nach­ziehen der Schrauben nach ca. 50 km wäre der streitgegenständliche Unfall jedoch vermieden worden. Das Gericht erachtete daher ein Mitverschulden des Klägers in Höhe von 30 % für angemessen, aber auch ausreichend. Ein Mitverschulden des KIägers dahingehend, dass er das ge­änderte Fahrverhalten aufgrund des sich lösenden Rades früh­zeitig hätte erkennen können, nahm das Gericht dagegen nicht an. Der Sachverständige hatte hierzu ausgeführt, dass eine entsprechen­de Reaktion des Klägers aufgrund der ohnehin hohen Geräusch­kulisse des Fahrzeuges nicht möglich war.

Daher: um jegliches Mitverschulden auszuschließen, einmal den Sitz der Radmuttern prüfen, wenn man wieder zu Hause angekommen ist. Im Falle eines (Un-)falles: Unterstützung durch einen Fachanwalt für Verkehrsrecht holen! Dann können berechtigte Schadensersatzansprüche auch zielgenau durchgesetzt werden.